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Alle Jahre wieder: gemeinsames Singen als Therapie 

01. Oktober 2023

In der Advents- und Weihnachtszeit leben regelmässig verschiedene Traditionen wieder auf, die im Alltag des restlichen Jahres sonst nur wenig Platz haben. Ein gutes Beispiel ist das gemeinsame Singen unter dem Tannenbaum. Warum es sich aber gerade für Menschen mit Parkinson lohnen kann, diese etwas in Vergessenheit geratene Tradition auch außerhalb der Weihnachtstage zu reaktivieren, zeigt ein kürzlich veröffentlichter Artikel, den wir Ihnen gerne näher vorstellen möchten.
Störungen der Sprechfunktion sind sehr häufige und für die Betroffenen im Alltag sehr beeinträchtigende Symptome der Parkinson-Erkrankung. Die Stimme klingt oft rau, hauchig und leise, die Aussprache ist undeutlich, verwaschen und häufig ist auch die Regulation des Sprechtempos gestört. Die Sprache ist zudem sehr monoton, was z.B. dazu führen kann, das Betroffene nicht in der Lage sind, durch Anheben der Tonhöhe zum Satzende eine Frage sprachlich eindeutig zu definieren. Die genannten Defizite können die Fähigkeit zu Kommunikation im Alltag massiv einschränken und sind damit wichtige Gründe für die bei Menschen mit Parkinson häufig reduzierte Lebensqualität. 
Die positiven Auswirkungen von Musik auf Parkinson-Symptome sind in wissenschaftlichen Untersuchungen bereits häufiger untersucht worden. So konnte gezeigt werden, dass bereits das Hören von Musik messbar die Beweglichkeit verbessert und auch sehr Parkinson-spezifische Symptome wie z.B. Gangblockaden können durch rhythmisch-akzentuierte Musikstücke häufig gut überwunden werden. 
Es ist daher naheliegend, dass auch der Effekt des Singens auf die Parkinson-assoziierten Sprach- und Sprechstörungen wissenschaftlich untersucht wurden. Beim Singen werden aus therapeutischer Perspektive Aspekte der Aussprache, der Atemfunktion und des Sprechtempos trainiert, außerdem sind durch positive Erinnerungen (z.B. bei Weihnachtsliedern) auch emotionale und beim Singen in der Gruppe auch soziale Aspekte stimuliert. Mit einer einzelnen Übung derartig vielfältige und unterschiedliche Aspekte gleichzeitig trainieren zu können, ist eine Seltenheit - es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf vorliegende wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema zu werfen. Intuitiv besteht also kein Zweifel an der Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit von regelmäßigem Singen zur Behandlung von Parkinson-Symtpomen - die Frage bleibt, ob sich dies auch wissenschaftlich-kritischen Methoden nachweisen lässt?
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 konnte die Ergebnisse von insgesamt 12 Studien zum Thema „Auswirkungen von Singen von Parkinson-Symptome“ vergleichen, wobei bei zehn der Untersuchungen therapeutisches Singen im Rahmen einer Gruppe untersucht wurde. Deutlich konnte in verschiedenen Untersuchungen eine Verbesserung der Stimmlautstärke gezeigt werden, außerdem verbesserten sich die Sprachverständlichkeit und die Kraft der Atemmuskeln. In drei Studien wurden zudem Aspekte der Lebensqualität durch Befragungen vor und nach Ende der Gesamtbehandlung (welche aus regelmäßigen Therapieeinheiten innerhalb von sechs bis 13 Wochen bestand) erfasst. Die Ergebnisse zeigten in allen Fällen eine verbesserte Lebensqualität nach der Behandlung. 
Die Aussagekraft der existierenden Untersuchungen wird jedoch durch einige Aspekte eingeschränkt: so war die Teilnehmerzahl in den meisten Arbeiten gering, auch die Nachbeobachtungszeit war insbesondere zur Beurteilung langfristiger Effekte insgesamt gering. Die Autoren folgerten, dass therapeutisch eingesetztes Singen einen wichtigen Platz in der Therapie von Menschen mit Parkinson einnehmen kann. 

Wenn also neben Wohlklang und froher Stimmung noch weitere Argumente für das weihnachtliche Singen fehlten: Es ist sogar therapeutisch wertvoll!   


Mainka, S., Yoon Irons, J.: Singen als therapeutische Intervention bei Menschen mit Parkinson. Musiktherapeutische Umschau 03/2022.

Erstmalig veröffentlicht im Newsletter der Parkinson Stiftung.

Bild von Freepik

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